Gottesteilchen entdeckt?
Im letzten Jahr hieß es bereits, die Entdeckung des Higgs stände kurz bevor.
Der Generaldirektor des CERN, Rolf-Dieter Heuer, hatte vollmundig vorausgesagt, dass bis Ende dieses Jahres die Entscheidung fallen würde und die „Shakespeare-Frage“ geklärt sei. Entweder würde das Higgs nachgewiesen werden, oder man würde gänzlich ausschließen können, dass es überhaupt existiert, eine Meinung, die auch viele Physiker vertreten.
Link
So kam auch Kritik zu der mit großem Brimborium veranstalteten Pressekonferenz des CERN von dem Physik-Nobelpreisträger Martinus Veltman.
In einem Interview bezeichnete er das Vorgehen seiner Genfer Kollegen als „richtig doof“.:
“Was das CERN macht, ist meiner Meinung nach richtig doof. Es ist doch im Grunde genau das Gleiche wie mit den überlichtschnellen Neutrinos. Aus der Affäre sollten sie eigentlich gelernt haben. Wichtige Ergebnisse zu verkünden, ist Sache der Kollaborationen, ich verstehe nicht, warum das CERN extra Pressekonferenzen macht.”
Auch wenn man sich auf der Pressekonferenz noch mit der eindeutigen Aussage, dass es sich bei der Neuentdeckung tatsächlich um das lang ersehnte Higgs handelt, zurückhielt und die Ergebnisse als vorläufig deklarierte, so war es doch andererseits verwunderlich, dass man zur Pressekonferenz explizit auch den Mann eingeladen hatte, der erstmalig das Higgs-Teilchen postuliert hatte, Peter Higgs.
Andererseits ist auch Martinus Veltman gespannt auf die LHC-Daten.
Doch selbst wenn das Higgs-Teilchen eindeutig nachgewiesen würde, löse dies seiner Meinung nach nicht die eigentlichen Probleme der Teilchenphysik oder der Physik.
„Das Higgs-Boson ist ein dankbarer Untersuchungsgegenstand: Man sagt es voraus, macht ein großes Experiment, und am Ende findet man das Higgs. Aber die großen, wichtigen Fragen funktionieren nicht so einfach – etwa die Eigenschaften des Standardmodells, die drei Teilchengenerationen: Warum gibt es diese? Warum ist das so? Wir haben kein Experiment, das diese Fragen beantworten könnte. Ähnliches gilt für die Massen der Teilchen. Die Neutrinos sind sehr leicht, während Top-Quarks millionenfach schwerer sind. Wir wissen nicht, warum das so ist, und wir haben keine Versuche, die uns diese Frage beantworten können.“ so Veltman.
Auch die Stringtheorie hätte “bis heute nichts dazu beigetragen, diese Fragen zu klären.” Und die Supersymmetrie hätte “ebenfalls nicht geliefert, was sie versprach.” Auch wenn es “vor einer Weile (hieß), wenn wir den Messbereich erweitern, finden wir Indizien für die Supersymmetrie.” sei dies dann nicht passiert.
Und weiter:
“Im Grunde zeigt sich dieses Muster bisher bei allen Beschleunigern. Sie wurden damit begründet, dass wir mit den dann möglichen neuen Messbereichen dieses oder jenes finden. Aber das geschah nie. Wenn sie jetzt das Higgs entdecken, ist der LHC meines Wissens die erste Maschine überhaupt, die tatsächlich das geliefert hat, wofür sie gebaut wurde. Eines muss man immerhin zugeben: Die Superstring-Theoretiker waren bisher stets sehr gut darin, ihre Theorien so zu modifizieren, dass sie die jeweiligen Probleme umschiffen. Möglicherweise schaffen sie es ja noch und belegen die Supersymmetrie. Aber vielleicht werden wir uns irgendwann auch damit abfinden müssen, dass wir gewisse Dinge experimentell nicht herausfinden können. Andererseits wird die Physik auch in Zukunft Schritt für Schritt ins Unbekannte vorstoßen. Und vielleicht bekommen wir dann doch noch unsere Antworten.”
Pages: Seite 1 Seite 2